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Die ominösen 10000 Schritte Vorsorge für ein gesundes Alter?

Die Sprüche: „Dir fehlt Bewegung“ oder „geh mal an die frische Luft“ dürften dem ein oder anderen Leser bekannt vorkommen. Wir kennen sie bereits aus unserer Kindheit – und sie bedeuteten meist nichts Gutes. Wir langweilten uns oder gingen einem Menschen auf die Nerven. Außerdem wurde und wird Kindern paradoxerweise der natürliche Bewegungsdrang abgewöhnt, ja teilweise sogar zur Krankheit erklärt. Und in der Medizin feiern wir die Entwicklung immer leistungsfähigerer und komplizierter Technologie, von Kosten ganz zu schweigen. Und da soll das Ablaufen von 10.000 Schritten (pro Tag!) eines der vielversprechendsten Präventionsprogramme sein? Wie banal. Genau: es ist banal.

Unser Körper ist nicht auf die Bedingungen einer postmodernen Gesellschaft hin konzipiert, sondern auf die freie Wildbahn und dort bedeutet übermäßiges „Ruhen“ nichts Gutes. Als Lebewesen sind wir so ausgestattet, immer in Bewegung zu sein, mal abgesehen von den nächtlichen Ruhephasen, in denen es auch zu gefährlich gewesen wäre, im Freien unterwegs zu sein. In der Tat sind längere Ruhephasen nicht vorgesehen und im Körper spielen sich in der Folge einer längeren Immobilität allgemeine Entzündungsreaktionen ab, die man u.a. an erhöhten Konzentrationen von sogenannten Entzündungsmarkern im Blut ablesen kann. Das führt dazu, dass wir uns – obwohl gesund – nach längerer Bettruhe irgendwie grippig und abgeschlagen fühlen. Wissenschaftlich wurde das in den sogenannten „Bettruhe-Studien“ der NASA untersucht, bei denen man die Veränderungen untersuchte, die im Körper junger und gesunder Probanden abliefen, währenddessen sie über Wochen und Monate ruhten oder ruhten und körperliches Training im Liegen absolvierten.

Eigentlich ist es eine ungemütliche Vorstellung: um annähernd unser körperliches Fitness-Niveau zu halten, müssen wir ständig in Bewegung bleiben. Jede längere Auszeit führt zu einer Leistungseinbuße, die schwer wieder einzuholen ist. Es ist wie Schwimmen gegen den Strom: hört man mit den Schwimmbewegungen auf, treibt man flussabwärts. Ein chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. In diese Gesamtlage passen auch neuere Erkenntnisse, mit dem täglichen Gehen von 10.000 Schritten einen Typ 2- Diabetes, den sogenannten Alterszucker, vermeiden und sogar bei bestehender Erkrankung wieder eine deutliche Besserung erreichen zu können.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man etwas über die Grundlagen der Krankheit wissen (und dabei immer die freie Wildbahn im Hinterkopf haben, s.o.). Unsere Muskeln benötigen Energie, die sie in Form von Zucker (Glucose) geliefert bekommen. Damit Glucose in die Muskelzelle gelangt, ist unter anderem Insulin notwendig. Dieses Insulin dient sozusagen als Türöffner, der der Glucose den Eintritt in die Muskelzelle an bestimmten Stellen ermöglicht. Für diese Aufgabe benötigt Insulin eine Art Schlüsselloch, das die Muskelzelle bereitstellt. Die Insulin-Konzentration wird im Wesentlichen durch die Konzentration von Glucose, dem Blutzucker, beeinflusst. Nehmen wir große Mengen Zucker zu uns, wird entsprechend viel Insulin in den Inselzellen der Bauchspeicheldrüse freigesetzt. Bewegen wir uns nicht entsprechend der angebotenen Energielieferung, stellen die Muskelzellen verhältnismäßig wenig Schlüssellöcher für das Insulin zur Verfügung. Einer großen Menge Glucose und Insulin stehen wenig Möglichkeiten gegenüber, den Zucker in Muskeln in Bewegung umzuwandeln. Besteht dieser Zustand über eine längere Zeit, sprechen wir von einer Insulinresistenz. Es existiert also zu viel Insulin im Blut. Insulin hat in zu hoher Konzentration unerwünschte Wirkungen. Neben der Tatsache, dass es die Glucose dann in Fettgewebe einschleust, verändert es Gefäßwände und führt zu hohem Blutdruck. Zusammen mit den hormonellen Wirkungen des vermehrten Bauchfetts kommt es zur Ausprägung der uns bekannten sogenannten Zivilisationserkrankungen: Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Arteriosklerose.

Also Sport treiben? Im Prinzip ja und schon besser als gar keine Bewegung, aber: Die Muskeln sind sehr flexibel in der Ausprägung der Insulinschlüssellöcher. Bei sportlichen Spitzenleistungen drei bis viermal die Woche kommt es zu einer kurzen, aber nicht lange andauernden Präsentation dieser Schlüssellöcher. Geht man jeden Tag 10.000 Schritte, was in etwa einer Strecke von bis 9 km entsprechen kann, bleiben diese Schlüssellöcher konstant und in großer Anzahl vorhanden. Damit verringern wir die unpassende Insulinanwesenheit und mit ihr die negativen Folgen, die oben bereits genannt wurden. Jüngste Untersuchungen haben dabei gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, mit der durchschnittlichen Anzahl Schritte/Tag sinkt. Bei 10.000 Schritten pro Tag ist sie gleich Null. Wir können unserem Diabetes also eigentlich davonlaufen...