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Alterstraumatologie – 10 Jahre einzigartige Kooperation

Sie werden sich fragen, was bedeutet „Alterstraumatologie“?

Die Alterstraumatologie beschäftigt sich mit den Verletzungen älterer Patienten. Wobei das Alter eigentlich gar nicht der ausschlaggebende Faktor ist, sondern die sogenannte „Multimorbidität“ der Betroffenen, d.h. die Anwesenheit meist mehrerer Erkrankungen chronischer oder akuter Natur, die im Angesicht der frischen Verletzung nicht unbeachtet bleiben dürfen. Es ist eine Binsenweisheit, dass sich medizinisches Wissen rasend schnell vermehrt und es immer kleinteiligere Spezialisierungen innerhalb der Medizin gibt, um dieser Entwicklung als Arzt oder Ärztin gerecht zu werden. Spezialisierungen haben aber den Nachteil, dass man das große Ganze aus den Augen verlieren kann. Außerdem verändern sich die Patienten – sie werden immer älter.

Krankenhausarchitektur und Krankenhausabläufe sind weitgehend an den Erfordernissen von vor 40 bis 50 Jahren ausgerichtet. Als der Autor vor fast 40 Jahren sein Medizinstudium begann und als Krankenpfleger in der Unfallchirurgie sein Studium finanzierte, hielten es einige der damaligen Mitarbeiter für ausgemachten Blödsinn, über 70-jährigen Patienten eine geplante Operation, z.B. zum Ersatz eines Hüftgelenks, zu ermöglichen. Jeder, der diese Zeilen liest, weiß, dass sich hier „Einiges“ geändert hat. Aber die Abläufe der Unfallchirurgie waren früher eher auf die verunfallten Verkehrsteilnehmer oder Arbeiter ausgerichtet, die in der Regel neben ihren Verletzungen gesund und aufnahmefähig waren. Diesen konnte man den Umgang mit Hilfsmitteln zeigen und sie waren gewöhnlich rasch weitgehend selbstständig. Die wenigen älteren Patienten, die sich den Oberschenkelhals brachen, wurden mit Verfahren behandelt, die sie für Wochen immobil machten. Und sie litten an den negativen Folgen, was aber als schicksalhaft von fast allen Beteiligten akzeptiert wurde. Im Laufe der letzten 40 Jahre ist die letztgenannte Patientengruppe aber deutlich gewachsen und die Verkehrsunfallopfer und Arbeitsunfälle sind deutlich in der Häufigkeit zurückgegangen. Man erkannte: die Operationsverfahren müssen sich ändern, die Patienten müssen frühzeitig mobilisiert werden und man muss sich bei den alten und hochaltrigen Patienten um die Begleiterkrankungen kümmern.

Im Dezember des Jahres 2004 wurden diese Notwendigkeiten vom damaligen Chef der Unfallchirurgie im Klinikum Mitte, Herrn Prof. Dr. med. Hörster, Dr. med. Wolfgang Schmidt-Barzynski, Leiter der geriatrischen Einrichtungen des Klinikums Bielefeld, als so drängend empfunden, dass man sich zu einem noch heute revolutionären Schritt entschloss: zwei unterschiedliche Fachabteilungen an einem Ort, einer Station miteinander zu fusionieren und Hand in Hand zu arbeiten. Die Vorbereitungen erforderten ein großes Engagement beider Abteilungen und der beteiligten Berufsgruppen, insbesondere der Pflegekräfte, die eine zentrale Rolle in der Umsetzung alterstraumatologischer Standards einnehmen.

Das Jahr 2005 wurde mit Pilotprojekten und Ausprobieren verbracht, um schließlich ein solides Projekt im Jahr 2006 zu realisieren. Am Ende war klar: die Kooperation beider Fachabteilungen an einem Ort ist nicht nur sinnvoll in medizinischen Belangen, sondern lohnt sich auch wirtschaftlich für das Klinikum, der Mehreinsatz von Personal wird refinanziert. Seither sind über 2.000 Patienten von den Abteilungen gemeinsam behandelt worden, die Unfallchirurgie operiert belastungsstabil, sodass die Patienten noch am OP-Tag mobilisiert werden können und die Geriatrie kümmert sich um die Begleiterkrankungen. Mittlerweile arbeiten vier geriatrische Ärztinnen und Ärzte in der Unfallchirurgie, der Alterstraumatologie, und sind neben den unfallchirurgischen Kolleginnen und Kollegen Teil des Teams. Das Modell „Alterstraumatologie“ ist auch in anderen Abteilungen des Standortes Mitte und am Standort in Halle umgesetzt. Es wurde von Bielefeld aus sogar an ein Krankenhaus in Mecklenburg „exportiert“.

Die Alterstraumatologie behandelt jegliche Art von Verletzungen bei multimorbiden Patienten, wenn möglich, mit dem Ziel, die bisherige Selbstständigkeit wiederherzustellen und die Ursachen für die Verletzungen zu identifizieren und wo immer möglich, zu beheben.

Auch im Rest der Republik hat man mittlerweile die Zeichen der Zeit erkannt und ähnliche Kooperationen gehen an den Start. Die Fachgesellschaften arbeiten an einer Zertifizierung von sogenannten Alterstraumatologischen Zentren (ATZ).