150 Jahre Klinikum in Halle (Westf.): Von einer Bürgerinitiative zum modernen Gesundheitsstandort
Klinikum Halle (Westf.) gehört seit eineinhalb Jahrhunderten zur medizinischen Versorgung der Region
Am Anfang standen drei handgeschriebene Seiten und die Überzeugung, dass kranke Menschen eine professionelle medizinische Versorgung brauchen. 1869 rief der Haller Gerichtsschreiber Wilhelm Troske die Bürgerinnen und Bürger dazu auf, die Gründung eines Krankenhauses zu unterstützen. Sieben Jahre später, am 22. Oktober 1876, wurde das städtische Krankenhaus Halle eingeweiht. 2026 blickt der heutige Standort Halle (Westf.) des Klinikums Bielefeld auf 150 Jahre bewegte Geschichte zurück.
Es ist eine Geschichte, die eng mit der Entwicklung der Stadt und der gesamten Region verbunden ist. Medizinischer Fortschritt, zwei Weltkriege und der Neubeginn danach, große Bauprojekte, neue Fachabteilungen und strukturelle Veränderungen haben das Haus geprägt. Eine Konstante zieht sich jedoch durch eineinhalb Jahrhunderte: der Wunsch, den Menschen in Halle und Umgebung eine gute medizinische Versorgung in ihrer Nähe zu ermöglichen.
1876–1900: Ein Krankenhaus aus bürgerschaftlichem Engagement
Die Geschichte beginnt eigentlich schon 1869. Gerichtsschreiber Wilhelm Troske warb damals öffentlich für ein Krankenhaus. Seine Initiative fiel auf fruchtbaren Boden. Mehr als 100 Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich später an einer Spendensammlung; allein 17.000 Taler kamen zusammen. Die Brüder Julius und Florenz Kisker steuerten weitere 10.000 Taler bei. Nachdem die zunächst geplante Lösung eines gemeinsamen Amtskrankenhauses nicht zustande gekommen war, entschied man sich für ein städtisches Krankenhaus.
Am 22. Oktober 1876 wurde der rote Ziegelbau an der heutigen Alleestraße feierlich eingeweiht. Bis zu 66 Patientinnen und Patienten konnten dort versorgt werden. Sanitätsrat Dr. Kranefuß leitete das Haus, die Pflege übernahmen Diakonissen aus dem Mutterhaus Sarepta in Bethel. Bereits 1883 entstand angesichts der damals weit verbreiteten Tuberkulose eine Isolierstation.
Damit war das Krankenhaus von Anfang an mehr als ein Gebäude: Es war ein Gemeinschaftsprojekt der Haller Bürgerschaft.
1900–1927: Medizinischer Fortschritt hält Einzug
Auch nach der Gründung blieb privates Engagement eine wichtige Säule. Eine außergewöhnliche Unterstützung erhielt das Krankenhaus durch das Ehepaar Winnebrock aus Westbarthausen. Da ihr einziger Sohn Ludwig im Krieg gegen Dänemark gefallen war und es keine weiteren Erben gab, setzten sie das Krankenhaus als Alleinerben ein. Nach ihrem Tod erhielt das Haus 97.000 Mark – für die damalige Zeit ein enormes Vermögen.
Mit dem Geld konnten ein Operationssaal eingerichtet, eine Zentralheizung eingebaut und ein erster Erweiterungsbau finanziert werden. 1906 wurde zu Ehren der Familie die Straße, an welcher das Klinikum Halle (Westf.) auch heute noch gelegen ist, Winnebrockstraße benannt.
1927 folgte eine grundlegende Erweiterung und Modernisierung des Krankenhausgebäudes. Eine zusätzliche Etage und ein Mansardengeschoss entstanden. Neue Untersuchungsräume, ein Entbindungszimmer, ein Röntgengerät und sogar ein Aufzug zeigten, wie rasant sich die medizinischen und technischen Möglichkeiten innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelt hatten.
1927–1950: Das Krankenhaus in Krieg und Neubeginn
Die wohl schwierigste Epoche erlebte das Haller Krankenhaus während des Zweiten Weltkriegs und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Unter Chefarzt Dr. Gustav Diering musste die Versorgung unter zunehmend schwierigen Bedingungen aufrechterhalten werden. Im Krankenhauspark entstand zusätzlich eine Krankenbaracke, das sogenannte „Gartenhaus“. Dort wurden unter anderem Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter behandelt. Als die US-Armee am 2. April 1945 die Stadt Halle befreite, befanden sich auch verwundete amerikanische Soldaten unter den Patienten.
Wie unmittelbar diese Zeit den Krankenhausalltag prägte, zeigen die Erinnerungen der jungen Ärztin Dr. Margret Albring, die 1944 nach Halle kam. Sie schildert ein kleines Landkrankenhaus, in dem Material knapp war und Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte täglich improvisieren mussten. Besonders eindrücklich ist ihre Erinnerung an die Versorgung ausländischer Zwangsarbeiter: Die Diakonissen behandelten die Patientinnen und Patienten unabhängig von Nationalität und Herkunft.
Mit dem Kriegsende änderte sich die Aufgabe des Krankenhauses erneut. Verwundete, Flüchtlinge und die Bevölkerung mussten unter schwierigen Bedingungen versorgt werden. Schritt für Schritt entwickelte sich aus dem Krankenhaus im Krisenmodus wieder eine zivile medizinische Einrichtung.
1950–1976: Aus dem kleinen Krankenhaus wird eine moderne Einrichtung
Die Nachkriegsjahrzehnte wurden zu einer Zeit des Aufbruchs. 1950 entstand eine eigenständige Abteilung für Innere Medizin. 1958 folgte eine Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Gleichzeitig zeigte sich immer deutlicher: Das bestehende Gebäude konnte mit der wachsenden Bevölkerung und den medizinischen Anforderungen nicht mehr Schritt halten.
1958 begannen deshalb die Arbeiten für einen kompletten Neubau. Der Krankenhausbetrieb lief währenddessen weiter. 1960 wurde der erste Bauabschnitt mit 135 Betten fertiggestellt. Statt großer Krankensäle gab es nun Zwei- und Dreibettzimmer, 1965 folgte ein weiterer Anbau.
Der Neubau war eine Millioneninvestition in die Zukunft: Rund 3,7 Millionen D-Mark kostete der 1960 eingeweihte Betten- und Behandlungstrakt. Moderne Operationssäle und neue Funktionsbereiche standen für einen grundlegenden Wandel der akut-stationären Patientenversorgung.
Auch die Ausbildung gewann an Bedeutung. Ab 1961 bildete eine eigene Krankenpflegeschule Nachwuchskräfte aus. Die Sarepta-Schwestern prägten die Pflege noch bis 1971, ehe sie nach fast einem Jahrhundert Tätigkeit in Halle verabschiedet wurden. 1976 konnte das Krankenhaus schließlich bereits sein 100-jähriges Bestehen feiern.
1976–2010: Spezialisierung und neue medizinische Angebote
In den folgenden Jahrzehnten wurde das Krankenhaus kontinuierlich weiterentwickelt. 1986 entstand eine neue Intensivstation, 1989 ein neuer Eingangsbereich. 1996 wurden die Bettentrakte umfassend renoviert; das Haus firmierte zu dieser Zeit als Klinikum Ravensberg gGmbH.
Mit der Eröffnung des Schlaflabors im Jahr 2000 und dem Ausbau der Pneumologie entstanden neue medizinische Schwerpunkte. 2004 wurde die Lungenabteilung neu eröffnet. Gleichzeitig entwickelte sich die Geburtshilfe weiter: Freiberufliche Hebammen übernahmen gemeinsam mit den Beleg-Gynäkologen die Betreuung rund um Schwangerschaft und Geburt. Der Kreißsaal wurde für eine familienorientierte und „sanfte Geburt“ umgestaltet.
Auch zu dieser Zeit floss erneut persönliches Engagement ins Klinikum: Im Jahre 2004 gründete eine Gruppe von Mitarbeitenden den Förderverein Klinikum Halle (Westf.) e.V., der sich bis heute aktiv um Unterstützung für die Bereiche Infrastruktur, Ausstattung und Personal vor Ort kümmert. Aktuell zählt der Förderverein rund 90 Mitglieder.
Im Jahre 2008 erfolgte der Umbau des OP-Traktes sowie eine Modernisierung und Erweiterung der Intensivstation. Damit wandelte sich das Haus zunehmend von einem klassischen Allgemeinkrankenhaus zu einem Standort mit eigenständigen medizinischen Profilen.
2010–2026: Gemeinsam stark im Klinikum Bielefeld
Ein entscheidender struktureller Schritt erfolgte zum 01. Januar 2010: Das damalige Klinikum Ravensberg in Halle (Westf.) wurde Teil der Klinikum Bielefeld gem.GmbH und wird seitdem als einer der drei Standorte des Klinikums geführt. Gesellschafterinnen sind die Stadt Bielefeld und die Stadt Halle (Westf.).
Die Zugehörigkeit zum Klinikum Bielefeld verbindet seitdem die wohnortnahe Versorgung in Halle mit den Möglichkeiten eines kommunalen Großkrankenhauses. Gleichzeitig wurde weiter in den Standort investiert. So nahm 2015 eine neu umgebaute geriatrische Station ihren Betrieb auf; die Stadt Halle unterstützte das Projekt mit einer Million Euro.
Wie stark die Bevölkerung bis heute mit „ihrem“ Krankenhaus verbunden ist, zeigte sich auch 2023: Als die Zukunft der Geburtshilfe auf Grund gesundheitspolitischer Entwicklungen landespolitisch in Frage gestellt wurde, gingen Hunderte Menschen für den Erhalt der Geburtsstation und des Krankenhausstandortes auf die Straße. Die Geburtshilfe konnte schließlich im Rahmen der Krankenhausplanung des Landes Nordrhein-Westfalen gesichert werden und ist heute eine feste Anlaufstelle für ein großes Einzugsgebiet. An der Zukunftssicherheit dieses Angebotes wird kontinuierlich gearbeitet.
Heute steht das Klinikum Halle (Westf.) für eine wohnortnahe medizinische Versorgung mit gewachsenen Schwerpunkten und zugleich für die enge Zusammenarbeit innerhalb des Konzernverbunds des Klinikums Bielefeld. Aus dem durch Spenden ermöglichten Krankenhaus des Jahres 1876 ist ein moderner Klinikstandort geworden.
150 Jahre – und der Blick geht nach vorn
„Das Krankenhaus gehört seit 150 Jahren zu Halle. Seine Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass eine gute Gesundheitsversorgung immer von Menschen getragen wird – von denjenigen, die sie ermöglichen, von den Mitarbeitenden, die täglich Verantwortung übernehmen, und von einer Bevölkerung, die sich mit ihrem Krankenhaus identifiziert“, sagt Bürgermeister und Vertreter der Gesellschafterin Stadt Halle (Westf.) Thomas Tappe. „Diese Historie ist für uns Verpflichtung und Ansporn zugleich, den Standort Klinikum Halle gemeinsam weiterzuentwickeln und auch künftig eine starke medizinische Versorgung im ländlichen Raum zu gewährleisten.“
Bemerkenswert ist dabei die Parallele zwischen Vergangenheit und Gegenwart: 1876 konnte das Krankenhaus nur entstehen, weil Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für die Gesundheitsversorgung ihrer Region übernahmen. 150 Jahre später ist die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Krankenhaus weiterhin spürbar.
Das Jubiläum wird deshalb gemeinsam gefeiert:
Am Sonntag, 27. September 2026 (10 – 16 Uhr),
lädt das Klinikum anlässlich des 150-jährigen Bestehens
zu einem Tag der offenen Tür am Standort Halle (Westf.) ein.
„150 Jahre Klinikum Halle (Westf.) stehen damit nicht nur für eine außergewöhnlich lange Geschichte. Sie stehen für 150 Jahre medizinischen Fortschritt, Veränderungsbereitschaft, Zusammenhalt und Verantwortung für die Menschen in Halle und der Region“, sagt Michael Ackermann, Geschäftsführer des Klinikums Bielefeld. „Das Gesundheitswesen steht vor großen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. Gerade kleinere, heimatnahe Krankenhäuser müssen ihre Leistungsfähigkeit immer wieder unter Beweis stellen. Das Einzugsgebiet des Klinikums Halle (Westf.) reicht mittlerweile über Bundeslandgrenzen hinweg. Die Anbindung an die universitäre Medizin, steigende Leistungszahlen sowie ein breites wie auch spezialisiertes Behandlungsspektrum stärken den Standort weiterhin – und genau dafür werden wir uns auch künftig mit großer Leidenschaft einsetzen.“